Werdegang von Heimkindern

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trullaplu
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Werdegang von Heimkindern

#1

Beitrag von trullaplu » 3. Mai 2019, 15:27

Viel Zeit meines Lebens habe ich in Heimen verbracht. Es war nicht immer leicht und viel Gewalt und Bestrafungen waren an der Tagesordnung. Früher hiess es immer diese Heimkinder, aus denen wird nie was die landen doch alle in die Gosse. Aber ich halte das für ein Vorurteil, denn es liegt an jedem selbst, was er aus sich macht. Ich zum Beispiel bin eine Kämpfernatur, ich wusste nach meinen Heimzeiten nicht wo ich hin gehen soll, aber ich habe nicht aufgegeben. Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg noch die mittlere Reife gemacht und dann die Ausbildung zur Altenpflegerin abgeschlossen, in diesem Beruf arbeitete ich mehrere Jahre. Über meine Heimzeiten habe ich nie gesprochen.

Irgendwann aber konnte ich den Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr aus führen, daher besuchte ich die Handelsschule und machte meinen Abschluss zum Grosshandelskauffrau. Nun bin ich mittlerer Weile in die Erwerbsunfähigkeitsrente und im September diesen Jahres bekomme ich dann meine Altersrente.

Warum ich all das schreibe? Ich will damit nur auf zeigen, das auch wir ehemaligen Heimkinder es zu etwas bringen können. Das ich ein Heimkind war, wissen sehr wenige in meiner Umgebung, warum soll ich es auch laut raus posaunen, vielleicht schäme ich mich dafür, obwohl warum schämen, ich kann nichts dafür, wenn Eltern oder Heimerzieher nicht in der Lage sind, uns ohne Gewalt zu erziehen.

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Re: Werdegang von Heimkindern

#2

Beitrag von ansteb » 3. Mai 2019, 20:04

hallo trullaplu, was für ein name?

sicher habe ich mich auch lange zeit dafür geschämt.
das ist aber lange her. heute kenne ich sehr viele, denen es ähnlich erging, aus welchen gründen auch immer?

jetzt bin ich sogar stolz drauf und das wird mir keiner nehmen können.

mfg ansteb

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Re: Werdegang von Heimkindern

#3

Beitrag von Krumi63 » 3. Mai 2019, 20:04

Hallo trullaplu,
besten Dank für die Eröffnung dieses Themas und den kurzen Umriss deiner persönlichen Lebensgeschichte.
Du hast durch deinen obigen Post eine wichtige Thematik angestoßen und das Forum dadurch bereichert. Ich denke das dieses Thema einen guten Anklang findet und dass das eine oder andere Mitglied hier ebenfalls ein paar Worte hinterlassen wird.

Es besteht auch die Möglichkeit das Thema für Nichtmitglieder zu schließen, falls euch es schwerfällt sich öffentlich über euren Werdegang zu äußern.

MfG, das Team


NACHSATZ: Seht ihr... schon geschehen. ansteb war schneller :)
November-Treffen SKH M.- A.- Nexö Bräunsdorf bei Freiberg: 22. - 24. November 2019

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Re: Werdegang von Heimkindern

#4

Beitrag von Jenna » 3. Mai 2019, 20:27

Boah eh, und ob da viele darauf reagieren werden! Ich zum Beispiel. Jeder der mich kennt weiß, das ich da die Finger definitiv nicht stillhalten kann! KEIN Kind ist schuld daran das es ins Heim kam! Nicht eins!!!!!! Schuld sind Eltern, die die Erziehung der Kinder nicht ernst nehmen konnten oder wollten. Kinder BRAUCHEN definitiv Regeln. Vernünftige, nachvollziehbare Regeln, denen sie folgen können, weil sie sie verstehen. Kinder brauchen genauso die Kontrolle der Regeln um Grenzen zu spüren, aus denen sie lernen und an denen sie festhalten können, weil ihnen das Sicherheit gibt. Kinder brauchen Freiräume die ihnen allein gehören um sich auszuprobieren. Und was sie vor allem brauchen ist das Gefühl geliebt zu werden, egal wie sie sind oder was für Sch**** sie gebaut haben. Im Normalfall haben Kinder nur ihre Eltern und ihr Familienumfeld von dem sie anfangs lernen können... Und wenn das nicht gegeben ist, ist es sicher vernünftig Alternativen zu suchen um die Kinder zu schützen und ihnen Wege aufzuzeigen die sie zu tollen Menschen machen. Aber in wievielen Heimen ist das passiert? Wieviele Kinder hatten die Möglichkeit sich da wirklich zu Hause zu fühlen? Wieviele Kinder hatten Erzieher, die ihnen das zu Hause wirklich ersetzen konnten? Sicher gab und gibt es auch unter den Erziehern solche und solche. Ich will da um Himmels Willen niemandem zu nahe treten. Aber es gab mehr als genug "Erzieher" die diese Arbeit nur als Arbeit gesehen und völlig vergessen haben das sie es mit Menschen zu tun haben. Kleinen Menschen zum Teil, Jugendlichen ... Und viele Erzieher haben das so gesehen das die Kinder böse sind, unerziehbar waren, nicht "regelkonform" waren und dringend einer strengen Umerziehung bedürfen damit aus ihnen überhaupt etwas werden kann. Und mit was für Mitteln umerzogen wurde hab ich gesehen.
Ich gehe da zum einen völlig konform mit trullapu... Die Heimkinder, die ich, inzwischen als Erwachsene, kennengelernt haben, sind "etwas geworden", weil SIE gekämpft haben, sich den Arsch aufgerissen haben, hart an sich gearbeitet haben. Denen wurde ne gute Schulbildung, ne "gute" Erziehung, der berühmte goldene Löffel nicht in die Wiege gelegt! Die Heimkinder haben es sich selbst erarbeiten müssen! Mit Rückschlägen, mit Fehlentscheidungen und immer wieder aufstehen und weitermachen! Ohne Netz und doppelten Boden und dem Elternhaus was auffängt und Geld zuschustert und was auch immer.
Und deshalb gehe ich zweitens völlig konform mit ansteb... Seid, verdammt nochmal, stolz auf Euch! Das was ihr heute seid habt ihr nämlich alleine geschafft! Ihr habt das aus Euch gemacht! Und deshalb habt Ihr Euch das Stolz sein mehr als verdient!

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Re: Werdegang von Heimkindern

#5

Beitrag von Krumi63 » 3. Mai 2019, 20:37

Danke Jana. Ganz lieben Dank.
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Re: Werdegang von Heimkindern

#6

Beitrag von Jenna » 3. Mai 2019, 21:07

Dafür nicht, Chef. ;)

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Re: Werdegang von Heimkindern

#7

Beitrag von Anja » 3. Mai 2019, 21:25

Hallo trullaplu
Also ich kann nun nur soviel dazu sagen: Ich bin an den 2 Jahren die mich das System in Bräunsdorf eingesperrt und mich eines Teils meiner Kindheit und Jugend beraubt hat nicht schuld :!:
Ich habe mich von einer Grauen Maus die ständig Gruppenkeile bekam zu einem kleinen Rosa Schwan gemausert. Viele Steine musste ich aus meinem Weg räumen und viele Berge überklettern.
Da wo ich heute bin, das habe ich mir schwer erarbeitet und bin heute sehr stolz auf das was wer und wie ich bin.
Egal wo ich war oder auch nicht. Die Hölle habe ich schon lange verlassen :twisted:
Nun lebe ich wie ich es für richtig halte und fliege wenn mir danach ist zur Walpurgisnacht auf einem Besen ( modernisiert zum Akkustaubsauger) und lasse andere denken was sie wollen.


Darum schaut nach vorn und seht in Erinnerung zurück und seid auf euch selbst und das was ihr alle geschafft habt stolz:
Denn ihr seid immernoch hier :idea: :!:
Euer buntes Berliner Vögelchen

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Re: Werdegang von Heimkindern

#8

Beitrag von ansteb » 3. Mai 2019, 21:52

und ich bin froh , dass ich dich kenne.

freue mich schon auf das wiedersehen beim treffen.

ist ja nicht mehr so lange hin.

mfg ansteb

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Re: Werdegang von Heimkindern

#9

Beitrag von deschawü » 3. Mai 2019, 22:00

jenna schrieb
@@@ Die Heimkinder, die ich, inzwischen als Erwachsene, kennengelernt haben, sind "etwas geworden", weil SIE gekämpft haben, sich den Arsch aufgerissen haben, hart an sich gearbeitet haben. Denen wurde ne gute Schulbildung, ne "gute" Erziehung, der berühmte goldene Löffel nicht in die Wiege gelegt! Die Heimkinder haben es sich selbst erarbeiten müssen! Mit Rückschlägen, mit Fehlentscheidungen und immer wieder aufstehen und weitermachen!

und genau aus diesem oder ähnichen Gründen ist meine Lebens - Philosophie entstanden und gewachsen
gib niemals auf ,,denn wenn du das tust ---- hast du dich selbst aufgegeben !!!!

bis die Tage ..das deschawü

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Re: Werdegang von Heimkindern

#10

Beitrag von trullaplu » 3. Mai 2019, 23:14

ansteb, der Name trullaplu bedeutet mir sehr viel. Er setzt sich aus dem Namen trulla und plumps zuusammen. Plumps war mein Hund, den ich von einem mir sehr nahegestanden und verstorbenen Menschen übernommen habe. Leider musste ich plumps zur Regenbogenbrücke gehen lassen vor 2 Jahren.

Wie ich schon schrieb, haben auch ehemalige Heimkinder ein Recht auf eigenständiges Leben. Ich werde nicht vergessen, als das Gespräch in den Nachrichten wegen des Fonds auf kam, wie der eine Minister, den Namen habe ich leider vergessen, sagte: die ehemaligen Heimkinder bekommen eine Entschädigung, damit sie ihr Leid vergessen. Wie kann man die Demütigungen, die Gewalt und sexuelle Misshandlungen vergessen. Sicher, es wird auch ehemalige Heimkinder geben, die Glück hatten und im Heim Geborgenheit bekamen. Aber zum größten Teil wurden sie doch wie Freiwild behandelt. Im einem Heim, wo ich war, bekamen Kindert, die nie Besuch bekamen, tag täglich Prügel, ein Heimkind war da drunter, die sah man nur mit grün blauen Gesicht, weil sie fast täglich Prügel bekam. Oder kotzte mal eine, musste sie es wieder auf essen.
Aber alle, die die Kinder im Heim geschadet haben, sind gut dabei weg gekommen. Das liegt wohl daran, das viele schon gestorben sind.

Früher war das Thema Heimkindererziehung nicht laut ausgesprochen worden. Jetzt aber, wo so vieles ans Tageslicht gekommen ist, meint die Politik alles mit Geld wieder gut machen zu können.
Meine Zeiten im Heim haben auch einen Knacks hinter lassen, ich lebe sehr zurück gezogen und Menschen zu vertrauen ist sehr schwer, eigentlich unmöglich.

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